I can’t get no brain
Normalerweise rante1 ich nicht, schon gar nicht gegen Kollegen, aber wenn man mich derartig deutlich dazu auffordert, muss ich die höfliche Zurückhaltung auch mal hinten anstellen.
Es gibt Menschen, die packen sich Phil Fuldners Verhonigpiepelung des Captain Future Soundtrack und Marusha [sic!] und Daft Punk in eine Playlist und meinen sie täten nun a) alles über Techno- [sic!] und Housemusik zu wissen und b) auch gleich deren offizielles Ende verkündigen dürfen. Mein Tipp: mal rechts ranfahren, Warnblinker einschalten, Reservereifen anzünden und warten bis die Feuerwehr kommt.
Wir wissen nicht, was jene Musikredakteurinnenseilschaft empfiehlt, noch was sich dieser »ich bin auch mal an einem Plattenteller vorbeigelaufen« DJ dabei denkt, aber sie demonstrieren: die Geschichte von Techno und House ist eine Geschichte der stetigen Mißverständnisse. Das beginnt damit, dass jeder glaubt a) beim Abnudeln billiger Massenware House zu hören und b) zu wissen, was House und was Techno überhaupt sind. Und dann machen sie Aussagen darüber. Und bilden Vorurteile. Und verbreiten sie. Um es zusammenzufassen:
Lieber Benjamin: Marusha, Chemical Brothers, Fatboy Slim, Phil Fuldner, Music Instructor [sic!, wtf!], Propellerheads, Moloko und Aphrodite sind alle weder Techno, noch House, aus unterschiedlichen Gründen. Big Beat, Drum And Bass, Mainstream Hitparade! Und wenn man nur den billigen dritten Aufguss housigen Rhythmen kennt, soll man es nicht House nennen. Und wenn man nur Marusha und Marc Oh und Music Instructor als technoid empfindet, dann soll man sein Knicklicht nicht in meinem Club brechen und nebenbei das Ende von Techno verkünden – das wäre dann auch schon 1994 gewesen. Und wenn man Clubsound meint, dann soll man nicht Techno und/oder House sagen.
Nur eins stimmt: das Netz ist die Fortsetzung von House und Techno, ja sogar Drum And Bass, allerdings genau mit den richtigen Mitteln.
Time to say goodbye.
Natürlich soll ich mich nicht aufregen. Was soll’s, Alter, geh’ zurück an Deine Plattensammlung, steh allein an Deinen Tellern und mixe für Dich selbst, Techno und House sind tot, Marusha und Daft Punk haben es verkauft. Die Menschheit hat fünf Minuten zugehört und dann ausgeblendet und das zwei Jahrzehnte lang. Ich merk’ auch schon gar nichts mehr von dem Teilchen…
1 ranten [rɛnndən], fries.: jemanden nett in die Magenkuhle knuffen, freundlich auf’s Maul geben, oder freundschaftlich in den Rücken schiessen.

6 Kommentare
Nico
25.08.2009, 12:39 Uhr
Genau so ist’s! Danke dafür.
abraxandria
25.08.2009, 14:43 Uhr
Also, ich mag Mettbrötchen! ;)
Marcus
25.08.2009, 16:33 Uhr
Das ist halt wie mit dem Musikantenstadl. Da wird auch keine Volksmusik gespielt, sondern volkstümliche Musik! ;-)
Nico Brünjes
25.08.2009, 16:37 Uhr
@abraxandria ich auch. Aber keinen Thunfisch. Dafür House. Forever. :D
ben_
26.08.2009, 09:51 Uhr
Also, hihi, wenn ich mit meinem Rumgehohnepiepele immerhin einen so lustigen Artikel hier hervorbringe, habe ich ja eigentlich alles richtig gemacht.
Dav abgesehen: Einspruch! Im Zweifel für den Angeklagten! Der ganze Artikel ist ja ein einziges Sich selber unangespitzt in den Boden rammen. Ich hab ja gleich schon noch im ersten Absatz reichlich Asche auf mein Haupt geschüttet und geschrieben, dass mein Zugang dazu “unwürdig und unerleuchtet” ist und dass ich nur “massenkompatible Ohrwürmer” au dem Feld “elektronische Musik” in der Playlist habe, wozu man ja Marusha und Phil Phuldner wohl noch zählen darf.
Und ich hab auch nicht das Ende House und Techno erklärt, sondern vom H Y P E umd House und Techno. Und der ist nun wirklich unzweifelhaft vorbei, was für Liebhaber und Kenner … für die weisen Männer und Frauen der Kultur … wie Du einer bist, ja vielleicht doch eher angenehm sein sollte.
So und jetzt fühle ich mich mal nett in die Magenkuhle geknufft und halte mein Lästermaul geschlossen.
Tim
30.08.2009, 13:44 Uhr
Danke für die Klarstellung. Du kannst dir mit Sicherheit vorstellen wie oft ich den Leuten erklären muss, dass ich nicht Scooter höre, weil das kein Techno ist.