Berufspendler
Um ein Pendler zu sein, das habe ich in den letzten Jahren herausgefunden, muss man kein besonderer Mensch sein. Immer wieder wurde mir das nahegelegt oder unterstellt, das man ein besonderer Menschentypus sei, sonst hielte man das ja gar nicht aus. Das Gegenteil ist der Fall: man wird zwar nicht als Pendler geboren, man wird zum Pendler. Immer. Ohne Ausweg. Doch beginnen wir am Anfang.
Warum ich nach Lübeck gezogen bin damals und nicht nach Hamburg, wo ich Arbeit hatte und schon als Jugendlicher immer hin wollte, ich kann es heute nicht mehr genau sagen. In Lübeck gab es im Gegensatz zu Hamburg eine leicht erreichbare Wohnung zu mieten, es musste schnell gehen, meine Eltern leben dort. Das waren die Argumente damals. Seitdem pendle ich. Jeden morgen. Zunächst mit dem Auto, in einer Fahrgemeinschaft, inzwischen nur noch mit dem Zug. Mit der deutschen Bahn, jeden Tag von Lübeck Hbf nach Hamburg Hbf, Fahrtzeit laut Plan: 48 min. Laut Plan.
Pendlerpsychologie
Der Wagen der 1. Klasse ist mein verlängerter Frühstücksraum, morgens. Und da geht es schon los: nicht irgendein Wagen, es ist immer derselbe. Ich sitze nicht immer am gleichen Platz, aber wenn im Zug die Wagenreihung geändert wurde, dann gerate ich schon mal ins Schlingern. Es muss alles gleich laufen morgens. Das ist wichtig, sonst funktioniert es nicht, sonst fühlt man sich nicht gut, bekommt schlechte Laune. Ich komme jeden morgen in einem zehn Minuten großem Zeitfenster zum Bahnhof, kaufe mir immer einen Kaffee am Stand der Fa. »Platsch«1), und besteige immer pünktlich der gearde eingefahrenen Zug aus Hamburg. Der hat dann noch ca. zehn Minuten Aufenthalt, Zeit die ich noch zu Hause verbringen könnte. Tue ich aber nicht, diese zehn Minuten habe ich als Puffer eingerichtet, falls ich mich mal verspäten sollte. Aber: ich verspäte mich nur selten.
Ich fahre 1. Klasse. Das kostet natürlich ein wenig mehr, aber ist für mich überlebenswichtig. Inzwischen fahren moderne Doppelstockwagen auf der Strecke, aber als noch die alten 70er-Jahre Wagen unterwegs waren, bis vor einem Jahr oder so, bedeutete 1. Klasse fahren: einen garantierten Sitzplatz haben. Berufspendeln, damals noch mit einer Fahrtzeit von ca. 1,5 Stunden, ohne Sitzplatz ist für mich unvorstellbar. Da werden viele Hamburg-Berlin-Pendler jetzt aufschreien, aber für mich geht es eben nur so. Das muss ich dann halt bezahlen. Und nebenbei: man kann der Bahn vieles Nachsagen, aber man bekommt nirgendwo für so wenig Aufpreis so viel mehr Leistung, als bei ihr. Heute erst erlebt: Ca. 200 völlig durchgedrehte, schreiende, quiekende und wahrscheinlich allesamt schweinegrippeverseuchte Kindergartengören entern das Abteil und besetzen unter großem Gejohle alle Plätze. Nur um Sekunden später von einer kreischenden Kindergärtnerin wieder aus dem Abteil geholt zu werden: »Das ist eeeeerrrrrrsssssttttteeee Klassssseeeee hieääääääärrrrrr!« Dekadentes Bahnfahren: unbezahlbar.
Ansonsten ist aber alles Pendlerleben darauf ausgerichtet, in seinem Pendeln nicht gestört zu werden. Kleinste Abweichungen führen direkt zu Unlust, schlechter Laune, Aufmüpfigkeit. Nicht umsonst verzichtet jeder gescheihte Kartenkontrolleur auf die Kontrolle der Fahrkarten, wenn der Fahrplan mehr als fünf Minuten nicht eingehalten wurde. Denn dann werden aus den ansonsten immer freundlich ihre Monatskarten hochhaltenden Pendlern, die zu bestimmten Uhrzeiten sicher die Mehrzahl der Fahrgäste ausmachen, zu meuternden Bestien. Das führt mich zu einem anderen leidigen Thema.

Die Bahn kommt zu spät, manchmal gar nicht
Wenn Sie ein- bis zweimal im Monat mit der Bahn fahren und eine der Fahrten geht daneben, weil es eine Verspätung gibt, ein Anschluss nicht klappt, dann könnte man fälschlicherweise davon ausgehen, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Und im Grunde stimmt das ja auch, gemessen an der Menge von Bahnfahrten, die jeden Tag stattfinden, verspäten sich nur vereinzelt Züge. Für den Pendler stellt sich das Problem aber anders dar: die vereinzelt verspäteten Züge fahren nämlich alle auf seiner Strecken (oder eben nicht). Ob das Einbildung oder Tatsache ist, ich vermag es kaum zu sagen. Sicher ist nur eins: mit dem Erwerb eines Monatskarte verändert sich ihr Verhältnis zur Bahn. Aus dem Verhältnis „Dienstleister – Kunde” ist ein Verhältnis „Dienstleister – Sklave” geworden. Bahnservice endet mit der Zahlung des Fahrtpreises und hat man den entrichtet ist mit mehr als dem Recht auf Transport eigentlich nicht zu rechnen.
So hat der gemeine am Bahnsteig wartende Bahnkunde weder ein Recht auf Information, noch Bahnangestellte die Pflicht, sich in irgendeiner Weise logisch zu verhalten. Das hat knallharte Auswirkungen, vor allem für – wie im vorigen Abschnitt ausgeführt – labile Berufspendler. Dass ein Zug Verspätung hat, das ist ja mehr oder weniger der Normalzustand. Beobachtungen über einen langen Zeitraum aber belegen: die Bahn selbst hat keinerlei Informationen über die Ankunftszeiten ihrer Züge, deren technischen Zustand oder wo sie sich gerade befinden. Wahlweise kann es auch sein, das einzelne Teile des Bahnapperats zwar über einzelne Informationen zwar verfügen, aber sie geben sie nicht weiter. Es gibt keine Stelle, wo diese Informationen zusammenlaufen. Und so stehen wartende Bahnkunden, wie auch diejenigen Bahnmitarbeiter, denen – wahrscheinlich losen die das durch Streichholzziehen aus – die Aufgabe zufällt eine informierende Durchsage zu machen, mit der gleichen Menge an Informationen da: NULL. Der Ausweg ist logisch: es werden Informationen verweigert oder erlogen.
Dabei ist die berühmte Verzögerung im Betriebsablauf
ja nur ein noch relativ offen ausgesprochenes ich habe keine Ahnung. Es gibt Beruspendler, die behaupten, das Buch »Ausreden im Bahnbetrieb« gäbe es wirklich und es habe das Ausmaß des Berliner Telefonbuches. Da sind Personen im Gleis
ebenso verzeichnet wie der Grundsatz alternierend bei jeder Durchsage zwischen Feuerwehreinsatz
, Notarzteinsatz
und Polizeieinsatz
hin- und herzuwechseln. Meist aber werden schlicht gar keine Informationen herausgegeben. Hat Verspätung
ist für den Bahnmitarbeiter immer noch die beste Ausrede. Und wenn dann doch zu viele Kunden nachfragen: einfach das Gleis wechseln: von Gleis zu Gleis hetzende Reisende haben keine Zeit fragen zu stellen. Die fragen dann höchstens den Zugbegleiter, aber der lässt sich natürlich nicht blicken, siehe oben.
1) Name von mir geändert
Bild 1: http://www.flickr.com/photos/spag85/ / CC BY 2.0
Bild 2: http://www.flickr.com/photos/materialboy/ / CC BY-SA 2.0
Hintergrundbild: http://www.flickr.com/photos/luebeck/ / CC BY-SA 2.0




Mensch. Toller Beitrag. Auch wenn die Motivation sicherlich aus Frust heraus entstand, hast du es sehr unterhaltsam geschrieben. Und ich muss mir merken, deine Beiträge jetzt immer auf der Website zu lesen, nicht mehr nur im Feedreader, da sie mitlerweile so toll gestaltet sind. Hut ab.
BTW: Ich bin froh, dass ich morgens und abends jeweils 13 Minuten zu Fuß ins Büro laufe. Das ist entspannend, reicht meist für zwei Songs und nervt nicht so.
Grüße.