Codecandies

Das Weblog von Nico Brünjes.

Web gegen App?

Das sich das Netz entwickelt hat, weg vom Schreibtisch, hin zur Hand- oder Hosentasche, das haben wir nun alle mitbekommen. Seit ein paar Wochen scheinen sich allerorten Leute für die ideale Art der Entwicklung für das mobile Internet entscheiden zu wollen, die Frage lautet: »Web or App«. Da ich mit der Frage ebenfalls schon ein paar Wochen schwanger gehe (ihhh!), hier meine 2 Eurocents und am Schluss zwei Fragen dazu.

Getriggert wird das ganze derzeit durch die direkte Gegnerschaft in dieser Frage zwischen Apple und Google. Um es einfach und kurz auf einen Punkt zu bringen: Apple setzt im mobilen Web wenig überraschend auf native Apps, die durch die Cloud nach außen eine Feature- und/oder Speichererweiterung erfahren. Dieses Prinzip ist nicht neu und es wurde überhaupt von Microsoft erfunden, die aber mal wieder zu dämlich waren, es selbst sinnvoll umzusetzen (via ReadWriteWeb). Für Apple ist dabei vor allem eins wichtig, nämlich dass die Apps und die Cloud eben auf der eigenen Hardware stattfinden. Das Applegesamterlebnis aus Hard- und Software ist dann die unique selling proposition, die cash-cow und das goldene Kalb in Personaleinheit.

Demgegenüber steht Googles Idee von der Cloud und dem mobile web. Die hätten es gerne möglichst offen, am liebsten als Webapps. Das Google Betriebssystem vulgo der Google Browser zielen dabei am mobilen web noch ein wenig vorbei, aber die Macht von HTML5, Javascript und CSS läuft natürlich auch auf den Androids. Und während Apple seinen Appstore hat, um die Apps zu verticken, hat Google eben seine Suchmaschine und die findet nun mal (auch mobil) eher Webapps, als geschlossene Systeme.

Apple’s primary focus is on native Cocoa Touch and Cocoa apps running on iOS devices and Macs. Google’s primary focus is on HTML/CSS/JavaScript apps running in web browsers. Google is not getting away with less work. If anything, they’re doing more work, because it is harder to create good user experiences inside a web browser. Where Google benefits from its strategy is reach — Gmail and Google Docs run anywhere with a PC-caliber modern web browser. Cocoa apps run only on Apple-made devices. (John Gruber)

daringfireball.net

Wie Tim Bray so treffend feststellt, stehen sich also eigentlich die Entwickler von C++/Objective-C und Javascript gegenüber. Und er stellt auch fest, dass sich mit HTML/JS/CSS derzeit noch nicht auf einer Höhe mit Obj.-C u.ä. programmieren lässt, z.B. weil noch nicht alle APIs zur Verfügung stehen.

Wer jetzt auf den Zug mobile Web aufspringen möchte, muss sich nun also heute entscheiden. Und nachdem es einen wahren Run auf Apples App-Store gegeben hat in den letzten Jahren, könnte das Pendel nun ich Richtung Webapps ausschlagen. Facebook beispielsweise arbeitet an einer solchen App – wie man lesen kann, die Financial Times hat eine.

Interessanterweise wird aber ja selten auf technischer Basis entschieden, ob nun native oder Webapps gebaut werden. Im Gegenteil. Es geht um finanzielle Erwägungen und wichtiger – zumindest was die Herstellung von iPad-Apps anging – um Voodoo. Viele Glaskugeln® beispielsweise zeigten bis vor kurzem noch auf native Apps. So wurden viele viele Apps gebaut, ein paar sind sogar erfolgreich. Die Masse allerdings wohl eher nicht (genau wie im appfreien Web eben).

Am Ende geht es um die Frage der Monetarisierung. Da bietet die Welt der nativen Apps derzeit genau ein Modell an, den Apple Appstore. Und der ist erfolgreich. Wie Webapps zu Geld gemacht werden können bleibt derzeit noch offen. Das Geldverdienen mit Webseiten funktioniert ja derzeit hauptsächlich mit Werbung, die alte Leier. Zwei Fragen dazu:

7 Kommentare

  1. Vielen Dank erstmal für den Link. Oliver hat im Interview mit den Jungs vom T3N noch einen weiteren spannenden Punkt in dem Zusammenhang gesagt: “Die absolute Killer-App für News, das ist der Browser. Das funktioniert. Man kann sehr schnell etwas bauen, man kann es schnell ändern, man kann es anpassen. Das sind alles Grundbedingungen für gute User-Experience.”

    Bei der Frage nach App oder Web sollte man sich also auch fragen, wie man eigentlich das Produkt nach dem Launch weiterentwickeln möchte.

  2. Danke.

  3. Äh und … was Oliver in dem Interview ja auch sagt, ist dass sich Apps eben für die Mehrheit der App-Anbieter eben nicht rechnen, für publizistische Apps schon mal gar nicht. Vor dem Hintergrund sehen Deine abschließenden Fragen ja schon etwas anders aus.

    Um darauf auch mal zu antworten: Ich verstehe das immer noch nicht so ganz. Ich sag’s mal so. Ich bin ja Abonnent der Print-Produkte von GEO und De:Bug. Für eine Web-App, die wirklich gut ist, und mir das Qualitätsgefühl vom Print vermittelt oder Funktionen bietet, die ich wirklich gerne hätte, würde ich auf das Abo auch glatt noch was draufzahlen. Ohne mit der Wimper zu zucken.

    Das gleich gilt im Grunde für Nachrichtenseiten. Für eine Business Class (Lustige Synchronizität!) Version (für Laptop und Android-Browser) von ZEIT ONLINE würde ich in der Tat sogar bezahlen. Ich lese eh kaum eine andere Nachrichten Seite. Woher das nur kommt? ;]

  4. Ich schreibe mal einfach mal noch weiter … was mich bei der Diskussion ja immer irritiert, die das Verwischen der Grenze zwischen “Anwendung” und “Inhalt”.

    Inhalte und Dokumente sind keine Anwendungen. Punkt. Ist meine Meinung. Publizisten brauchen von daher schon mal gar keine Apps bauen. Ist Quatsch.

    Anwendungen sind die Dinge in denen ich entweder Daten weiterverarbeite oder ganz neu erstelle.

    Als dritte Kategorie würde ich Spiele (mit einem sehr weiten Begriff des Wortes) gelten lassen.

    Wenn ich mir anschaue, was ich so im Internet mache, also im Browser auf meinem Rechner, dann ist das zu 90% Inhalte anschauen,
    9% sind mehr oder weniger wirklich Anwendungen,
    1% sind Spiele.

    Und von den 9% fallen ca 8,9% auf Google Mail und Google Docs. Alles andere, als da wäre richtig Texte schrieben, Präsentationen bauen, Bildbearbeitung, Code programmieren, Musik hören, Sachen berechnen, mache ich mit Nicht-Browser-Anwendungen und werde ich auch weiterhin damit tun.

    Aber für Inhalte und Dokumente, da muss ich gleich nochmal Oliver rechtgeben: Da gibt es schlicht nichts besseres als HTML.

    Oder ich sag’s nochmal anders. Was bitte, ist denn mal einen richtige Web-App?
    Gmail, Google Docs, Gliffy, Mite.

    Klar. Da gibt es noch mehr … aber sind das wirklich die Sorte von Anwendungen, über die wir hier reden, oder ist die Diskussion über App vs. Web nicht viel mehr die Diskussion darüber ob man in iOS einen Reader für Inhalte bauen soll oder nicht?

  5. Um mal die birkenhaksche Kommentareinöde™ zu durchbrechen: In Sachen Rentabilität stehen die meisten Webseiten den Durchschnittsapps in nichts nach. Viele Websites können sich nur durch Contentpartnerschaften oder printige Quersubventionierungen rechnen.

    Das Hauptproblem ist bei Webapps doch, dass die Leute etwas besitzen wollen. Musik will man als dateien auf dem Rechner -- nicht einfach als stream in der cloud. Auch ben_ scheint da nicht anders: Für die GEO würde er online draufzahlen -- zum normalen Abo. Von “nur online” auch hier keine Rede. Verständlicherweise. Geht mir auch so.

    Apps vermitteln Besitz. sie sagen “du hast was du lädst”. Dieses gefühl kann eine Webapp noch nicht vermitteln.

    Die FT-Webapp hingegen ist ein Werkzeug für Manager um sich informiert zu halten. Hier geht es nur um Information, nochnichteinmal wirklich um (schön aufbereiteten) Content. Hier geht Zeit vor alles andere. Agilität und Aktualität an erster Stelle. Besitz spielt keine Rolle. genau da ist die Webapp die einzig mit Denken zu rechtfertigend Option.

  6. So stehen sich am Ende also wieder das Bezahlmodell (Paid Content) der Apps dem Massenmodell display ads (webapps) gegenüber?

    Ob jemand etwas besitzen will oder nicht, das müsste man sich mal einigen, ob das nicht einfach ein gelerntes Verhalten der Wirtschaftswundernachfolgegenerationen ist. Tatsächlich gibt es heute immer mehr den Trend, Musik bspw. nicht zu besitzen. Ich glaube aber, es muss ein Erlebnis damit verbunden sein, damit es richtig funktioniert (bspw. ist Musik hören, ggf. im Club ja ein Erlebnis, Musik haben erstmal nicht). Siehe auch turntable.fm

    “Content” kann in diesem Sinne durchaus auch als Erlebnis präsentiert werden, nur gemacht hat es noch keiner. Und dies ist die zweite Option, die zumindest ein Nachdenken rechtfertigt.

    Was ich nicht glaube ist, dass wir der eh schon immer kleineren Zahl von Print-Abonnenten-Dinos noch Zusatzleistungen hintendranwerfen sollten. Damit setzt man auf einen Kundenkreis, der stetig kleiner zu werden droht. Hat man ein Premiummodell müssen diese natürlich trotzdem beliefert werden, aber es geht wohl eher darum, das Modell auch in andere Kreise zu tragen.

  7. @arne: Naja. Wie oben geschroben ist die Frage ja, wovon man redet. Reden wir im weitesten Sinne von publizistischen Angeboten stimme ich Dir weitestgehend zu. Wobei ich mir auch ein reines Online Angebot vorstellen kann, für das ich zahlen würde. Das müsste aber in der Tat auch schon sehr hochwertig sein und mich sehr interessieren.

    Wenn wir von Apps reden, sieht das schon anders aus. Yolk läuft ganz gut mit Mite. Und das ist nur das Beispiel, das ich jetzt persönlich kenne.

    Und das skurile bei den Content-Apps ist ja, dass ich den Kram eben nicht wirklich besitze. Was ich bei den meisten publizistischen Apps kaufe, ist der Reader. Die Inhalte zahle ich hinterher extra. Dass dann weiterhin auf die Zugriff habe, halte ich für eher unwahrscheinlich.

    Ich für meinen Teil beschäftige mich ja gerade mit der Migration nach Linux. Da wäre dann alles weg, was ich gekauft habe. Wenn man den Kram in einer Webapp verkauft hab ich das Zeug immernoch. Die MP3s sind den textbasierten Contents in der Hinsicht den anderen Medien noch arg hinterher.

    Spannend finde ich auch Nicos Argument die Kohle nicht den Dinos hinterher zuwerfen. Das würde ich Dir grundsätzlich zustimmen. Insbesondere weil die Dinos sich so trampelig anstellen im Netz. Mir scheint da die Schwerkraft der Marken allerdings kaum überwindbar. Dafür steht etwas wie die GEO halt zusehr nicht einfach nur für bedrucktes Papier sondern für eine Art von Journalismus. Wenn man die gleiche Art jetzt im Netz neu etablieren will, muss man halt erst an der etablierten Marke vorbei. Das ist nicht einfach, wie wir ja bspw. an der Netzeitung gesehen haben.

    Überhaupt muss ich sagen, dass ich in den letzten Monaten auch zusehends ratlos bin, was die realen wirtschaftlichen Möglichkeiten angeht. An ein Geschäftsmodell für Online-Journalismus jenseits von Werbung kann ich derzeit nicht glauben.

    Das ist für mich irgendwie auch eine Frage nach dem Wesen im Netz. Felixens Artikel über Bloggen und Bezahlen schafft in der Hinsicht eine schöne Athmosphäre. Vielleicht ist das WWW einfach nicht zum Geldverdienen da …