Codecandies

Das Weblog von Nico Brünjes.

Google Reader adé?

Seit gestern hat Google nun tatsächlich begonnen, das neue Design auszuspielen und mE wichtige Funktionen des Google Readers abzuschalten. Ich denke, es wird nur einen Internetmoment dauern, bis etwas oder jemand die entstandene Lücke auffüllt, ob das Google selbst kann, mit Google+ ist mehr als zweifelhaft. Wahrscheinlich überschätze ich das auch, weil ich selbst davon betroffen bin, aber möglichweise will mir Google auch signalisieren, dass ich als Power-User nicht mehr so richtig erwünscht bin. Dann wäre es an der Zeit sich nach Alternativen umzuschauen. So es denn noch welche gibt.

Das scheint mir tatsächlich ein Problem zu sein: der Standalone-Feedreadermarkt ist nicht gerade ein umkämpftes Terrain, viel mehr eine Wüste samt Tumbleweed. Google Reader hat so ziemlich alles ausgetrocknet und wenn es noch gute Produkte gibt… dann synchronisieren sie die Feeds mit… genau: dem Google Reader.

Screenshot

Reeder sieht zumindest ansprechend aus.

Auf dem Mac ist der Platzhirsch in Sachen RSS-Reading noch recht jung und nebenbei das Kind einer iPad-App: Reeder für OS X bietet definitiv das schlickste Erscheinungsbild und die besten Funktionalitäten. Hier gilt allerdings auch: ohne Synchronisation mit dem Google Reader funktioniert das Programm nicht. Die Datenbank von Feeds lässt sich weder unabhängig nutzen, noch lassen sich neue Feeds per OPML importieren. Um mit Versionen auf dem iPhone oder iPad sychron zu sein, geht es natürlich auch nur mit einer zentralen Instanz, solange Reeder keine andere als die von Google bietet, stellt er keine echte Alternative dar. Hier kann man Google höchsten demonstrieren, dass man auf das Backend nie angewiesen war.

Werfen wir also einen Blick zurück in die Feedreader-Vergangenheit. Einst die feste Größe unter den Mac-Readern war NetNewsWire, das jedoch eine mehr als weniger traurige Geschichte der Ver- und Aufkäufe hinter sich gebracht hat und dabei ein wenig Glanz eingebüsst hat. Immerhin: es gibt ihn noch, inzwischen als Kostenlos-Version mit integrierter Werbung. NNW gibt es für Mac, iPad und iPhone, zwischen diesen Geräten würde jedoch per Google Reader synchronisiert. Dies lässt sich jedoch abschalten. Dafür ist der NNW nach wie vor der König des OPML-Exports, d.h. was man auf der Reader-Export-Seite herunterlädt kann man direkt in den NNW einfüttern. NNW ist solide, bietet die aus Mailprogrammen bekannte Ansicht mit drei Paneelen und bringt alle nötigen Features aus alten Tagen mit: bspw. ins Blog posten mithilfe von MarsEdit oder weiterleiten von Einträgen nach Delicious. Fühlt sich alles etwas angestaubt an.

Ebenfalls ein alter Bekannter auf dem Mac ist Vienna. Das Open-Source-Programm hat nie den Schritt zum Reader-Syncing gemacht, ist also das ideale Aussteigerprogramm. Vienna importiert OPMLs schnell, korrekt und mit allen Unterordnern. Genau wie NNW gibt es drei Paneele, links die Feeds, rechts oben Artikelüberschriften, darunter der ausgewählte Feeditem. Vienna ist mit dem Sharing ein wenig weiter vor als NNW und kann nicht nur zu Delicious, sondern ebenfalls zu Twitter, Facebook und Evernote sharen. Letzterer Dienst liesse sich übrigens als Ersatz für das Sharen im Google Reader nutzen, da dort User gemeinsame Notebooks befüttern können.

Unter Windows kannte ich eigentlich immer nur den FeedDemon, der eine ähnliche Verkaufs- und Rückkaufsgeschichte aufzuweisen hat wie NNW. Er synchronisiert aber, zumindest derzeit noch, auch mit Google Reader.

Zusammengefasst: nicht gerade ein Rosengarten. Google Reader war nicht nur der Defacto-Standard für das Teilen von Feedeinträgen mit einer bestimmbaren Gruppe von Nutzern, sondern ist ebenso der Standard für das Abgleichen von Feeddatenbanken und Leseständen über die verschiedenen Nutzungswelten hinweg, also Desktop, Tablet und mobile. Dies ist sicherlich eine der wichtigsten Funktionalitäten und gerade hier hält Google praktisch das monopol. Wollte man sich also von Google trennen (obwohl das Synchronisieren – zumindest derzeit – ja noch funktioniert), müsste man erst einmal einen Dienst finden, der eine derartige Synchronisation anbietet. Dann fehlen außerdem noch die Programme, die mit diesem Dienst arbeiten könnten. Hier wäre nun Platz für Innovation.

25 Kommentare

  1. Die Frage in diesem Zusammenhang ist vielleicht: Wie relevant ist die Gruppe der Feed-Nutzer? Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass Feed nicht in der Breiten Masse angekommen sind. Techies und Webdesigner, ja, aber der Rest? Heutzutage wird auf den Like- oder Plus-Knopf gedrückt und schon ist etwas in der Timeline? Anscheinend ist dies für die Meisten eingängiger und simpler in der Nutzung und vielleicht ist Googles Verhalten einfach der Vorbote dafür, dass wir RSS-Leser zum alten Eisen gehören.

  2. Alternativ bleiben ja noch die eigens gehosteten Online-Tools wie RSSLounge oder Tiny Tiny RSS; zumindest kommen sie mit dem Schritt von Google eventuell auf neue Höhen und die Autoren sind motivierter.

    [Edit: Links eingefügt, Nico]

  3. also ich hab meine feeds vorm reader mit drupal (aggrgator) gelesen, konnte uch von überall drauf zugreifen. es gehört nicht viel phantasie dazu, noch so ‘mark as read’-funktionen dranzuentwickeln (wenn es nicht in der zwischenzeit passiert ist). für mich war der grund aufn reader umzusteigen tatsävhlich ausschließlich das sharen…

  4. In der Liste der RSS-Reader mit Google Reader Sync fehlt IMHO noch “NewsRack”:

    http://itunes.apple.com/de/app/newsrack/id415816908?mt=12

    Daran gefällt mir besonders die Erweiterbarkeit inkl. AppleScript. Ansonsten tut er was er soll und kommt mir nicht in den Weg.

  5. Ach, du warst zwischenzeitlich wieder beim Reader? Und jetzt ist wieder Entschlackung angesagt? Kommt mir bekannt vor.

  6. Alleine schon das “Note in Reader”-Feature war gold wert. Und wie ich höre, haben sich einige Journalisten auch voll auf den Google Reader verlassen. Wirklich ärgerlich.

    Wo soll ich dir denn jetzt folgen, Nico? =(

  7. @paul schön, ich konnte den Artikel selbst nicht finden :D

  8. übrigens hab ichs neulich schon gesagt: deine leselinks sind ja eigentlich ein guter sharingersatz. eigentlich brauchts ja nur ein blog und rss…

  9. Nico, auch wenn du es bisher nicht wusstest: ich bin von deinen Reader-Empfehlungen quasiabhängig!

    Hast du denn keinen kleinen Entwickler irgendwo im Bürokeller lagern, der einfach mal einen neuen webbasierten Reader zusammenstöpselst, und du machst dazu die Oberfläche? Ich fände das äußerst begrüßenswert.

  10. @thomas: … dem fehlt natürlich die Komponente des ausgewählten Publikums. Aber im Grunde richtig. Einzig sollten die Leselinks (die ich nur wegen Krankheit und Urlaub (andersherum) ausgesetzt habe) ja nur die Spitze des Eisbergs sein. Im Reader etwas sharen ging ja bekanntlich wesentlich leichter von der Hand und oft auch kommentarlos, was zu einem qualitativ breiterem Ansatz geführt haben dürfte.

    @n¦tropie Na, ich hab ‘nen kleinen Entwickler im Hinterkopf, aber der hat halt eben keine Zeit. Ich kümmere mich beizeiten um Ersatz. Und nein, ich habe nichts von Deinen Abhängigkeiten gewusst. Man mag ja fast nicht sagen: das freut mich. ;)

  11. Hab mich erst letzte Woche auch für Reeder entschieden! Einfach die bessere Lösung, hinsichtlich Layout und Funktionen!

    Grüße, Vincent

  12. @nico: meinte das übrigens etwas allgemeiner und vom allgemeinen wieder auf mich runtergebrochen: vielleicht sollte ich die bloggerei doch fortsetzen; mir schwebt aber , wie angedeutet, auch eine drupalesque idee vor, die ich nicht als bloggen bezeichnen würde.

    das mit dem “ausgewählten publikum” verstehe ich übrigens nicht ganz…

  13. Nutze schon länger Shrook. Ist frei, gibt’s auch im Appstore und hat ein interessantes Feature: Er zeigt bei geänderten Posts ein Diff.

  14. @Herr T. Tatsächlich, Shrook hat gefehlt. Teste ich gerade, sieht sehr vielversprechend aus.

  15. Bevor es den Google Reader gab, war ich ja bei Bloglines. Keine Ahnung, ob die noch taugen.

    Außerdem gibt es ja noch Gregarius und nicht zu vergessen Shaun Inmans “Fever” (Boaaaahhh hab ich jetzt laaaange gebraucht, den wiederzufinden!)

  16. Ich häng noch den Verweis auf http://www.newsblur.com/ dran. Ist Open Source und kann man entweder selbst hosten oder die Instanz des Programmierers verwenden, dann muss man aber bei mehr als 64 Feeds 1$/Monat zahlen.

  17. Update: hab inwzischen Shrook und eine eigene RSS-Lounge-Installation ausprobiert. Grrrrrrr! Ich werd noch wahnsinnig. Gnnnpf. Alles Mist. ;)

  18. Und … he … das ist ja ein Artikel von mir im Aufmacher. :)
    Danke!

  19. Ich nutze seit Jahren den Google Reader und fand ihn immer super. Habe dutzende feeds aber seit einiger Zeit macht der Reader echte Probleme. Ich nutze Firefox und musste feststellen, dass aus einem mir nicht schlüssigen Grunde er unter dem IE besser läuft. Selbst unter Chrome macht er Probleme.

    Feeds die ich gelesen haben, tauchen einfach immer wieder auf und werden nicht mehr als gelesen markiert und ausgeblendet. Das Vorrausladen der feeds geht schlechter als zu 1200 Baud-Zeiten und macht den Lesespass zum Frust.

    Ich werde gleich mal alles exportieren und hoffen, dass Yahoo oder Bing eine Alternative hat.

    PS:
    Habe mal mit Greasemonkey den GR entschlackt und die Plusone-Anfragen mit AddBlock geblockt aber half alles nichts. Schade.

    Google geht mir mit dem +1 ICH BIN EIN AFFE echt auf den ….

  20. Und? Wie ist der Zwischenstand? Which ist the current Werkzeug of you Wahl?

  21. Hmmm… den würde ich ja am liebsten unter den Tisch fallen lassen. Ich habe jetzt einige Tools und auch Severlösungen getestet und…

    a) die üblichen Standalone RSS-Tools bieten zu wenig oder nicht die richtigen Features. Ganz allgemein stellen sie eine deutliche Verschlechterung zum Google Reader da (immer aus der Perspektive des Wechslers: fehlende oder falsche Tastenkombis, langsame Anzeige, ungewohnte Fenstereinteilung etc.) und können im Gegenzug ja leider auch nicht die vermissten Communityfeatures des Readers liefern. Zusätzlich fehlt noch die Synchronisation über mehrere Geräte, die ich einfach brauche. Das habe ich selbst erst ziemlich spät bemerkt (sieht man auch im Artikel oben), das ist das andere Killerfeature des Google Reader.

    b) Shrook hat mit shrook.com einen solchen Synchronisierungsdienst. Dies ist von daher, für den harten Aussteiger, sicherlich die beste Lösung.

    c) Tools die man auf dem eigenen Server installieren kann hielt ich für eine gute Idee und mindestens RSS Lounge gefiel mir auch ganz gut. Ich hatte kurz den Reflex, dafür ein eigenes Template zu bauen, um die Ausgabe an meine Anforderungen anzupassen. Aber: keine Zeit. Ansonsten gilt hier wieder a) in Sachen Datensynchro.

    Mit anderen Worten: keine Lösung. Einen Tod wird man sterben müssen. Also alle Features weg und frei sein, oder weiter Google füttern.

  22. Ich nutze ja seit zwei Tagen Pulp, the Feedreader formally known as Times. (War im Teasermosaik meines eigenen Blogs drüber gestolpert, hehe.)

    Der hat Twitter, Facebook, Instapaper, Read it later und Readability als Sharing-Funktionen. Und einen Sync zwischen mehreren Macs und iOs Anwendungen. Außerdem macht er einen schlanken Fuß.

    Ich dachte, ich sag mal bescheid.

  23. Nur im App-Store erhältlich? Das wäre ein Ausschlusskriterium.

  24. @Thomas: Haha! Das ist ja ungefährt so wie “Ich gehe in die Disko, aber da Musikhören ist ein Ausschlusskriterium.” :)

  25. den disco-vergleich fände ich zutreffend. wenn er zuträfe. fürn mac musst ich denn appstore bisher jedenfalls noch nicht öffnen. :)

3 Pings

  1. [...] Gruppe war vergleichsweise klein, aber lautstark, und zögert nicht damit, ihren Unmut kund zu tun. Und überraschenderweise landeten die Proteste der Google-Reader-Anhänger sogar auf der [...]

  2. [...] Google Reader hat seit gestern für viele sein wichtigstes Feature verloren: Sharing. Damit war es möglich, seine Feeds oder einzelne Seiten über ein Bookmarklet [...]

  3. [...] wissen muss und würde eben gern z.B. den RSS Teil auslagern an einen alternativen Anbieter. Über Nico Brünjes Artikel zum Thema bin ich heute auf Vienna gestoßen, das er als das „idealer Aussteigerprogramm“ [...]