Codecandies

Das Weblog von Nico Brünjes.

Responsive Content

Während man wirklich sehr viel über responsive webdesign und/oder über mobile first liest, habe ich bereits die nächste Gebetsmühle im Ohr, denn es gibt noch ein paar Dinge die wir brauchen werden, wenn wir ein wirklich mobiles Internet bauen wollen. Zum Beispiel: responsive content.

Wenn wir uns über die Nutzung des Webs mit mobilen Endgeräten Gedanken machen, sehen wir als Entwickler und Programmierer oft die technischen Beschränkungen die im mobile web herrschen. Kleine Bildschirme, niedrige Verbindungsgeschwindigkeiten, beschränkter Download, aussetzende Verbindungen, Touchbedienung und so fort. Für alle diese technischen Probleme lassen sich technische Lösungen finden. Diese haben, da sich der Mobilmarkt rasend entwickelt (5 Euro ins IT-Phrasenschwein) und vor allem die Technik dahinter, eine relativ kurze Halbwertzeit.

Hinter diesen Einschränkungen liegt aber etwas, was ich als die mobile Nutzungssituation bezeichnen würde und diese ist viel festgelegter als die Technik selbst. Beispielsweise können wir davon ausgehen, dass ein mobiler Nutzer viel weniger Zeit hat, als ein Desktop- oder Sofasurfer. Das klingt wie eine banale Feststellung, aber hat doch trotzdem einen großen impact. Wir versuchen ja auch schon, wieder mit technischen Mitteln, auf eine solche Situation einzugehen (Ladegeschwindigkeit einer Seite), aber was nutzt das wirklich, wenn dann kilometer lange Bleiwüsten schnell aus? Außerdem ist die mobile Nutzungssituation durch weit mehr Eigenschaften gekennzeichnet, als der fehlenden Zeit. Einhandbedienung könnte dazu gehören, örtliche Beweglichkeit während der Nutzung, Einflüsse durch die Umgebung etc.

Hierauf müssen aber IMHO nicht nur Gerät und Website reagieren, sondern eben auch der Inhalt, soweit meine These. Beispiel: ein Nachrichtenportal sollte seine Artikelseiten vielleicht nicht als Einseiter oder auf vielen Seiten verteilt anbieten, sondern in drei inhaltlichen Ausbaustufen. Titel und Teaser für Indexseiten, kurze zusammenfasende Version eines Artikels, lange epische Fassung eines Artikels. Als mobiler Nutzer sollte man dann zwischen diesen Formen wählen können (und standardmäßig die kurze Version gezeigt bekommen). Und auch die Indexseiten sollten auf die Nutzungssituation ausgerichtet sein. Wollen die Nutzer, wenn sie unterwegs sind nur kurz den Dax kontrollieren, oder lange feuilletonistische Stücke lesen? Möglicherweise gehören nicht immer andere Dinge an den Kopf der Seite, aber vielleicht manchmal? Das ist dann kein SEO-Thema, sondern eher Kundenservice. Gleiches gilt natürlich für Ads, die sich nebenbei gesagt noch ganz schön an das Thema responsiveness annähern müssten.

Anderes, vielleicht nicht ganz so offensichtliches Beispiel: eine Community für Computerspiele sollte vielleicht auf der mobilen Seite nicht seine zugekauften News über Spiele vorne anstellen, sondern die Tipps und Walkthroughs, weil nämlich ihre Nutzer das Handy als Nachschlagehilfe neben dem Rechner liegen haben, während des Spielens, da derselbe ja durchs Spiel belegt ist und zum Browser switchen ziemlich abtörnend ist. Möglicherweise ist das so. Vielleicht auch nicht, müsste man mal herausfinden.

Ähnliche inhaltlichen Unterschiede sind denkbar für die Nutzungssituation auf der Couch. Den gemeinen Couchsurfer kann man ja auch ziemlich leicht targeten, er greift abends mit seinem iPad auf Webseiten zu. Dieser Nutzer widerum gibt gewöhnlich nicht viel auf Börsenkurse…

13 Kommentare

  1. Was Du hier beschreibst klingt bereits wieder sehr stark nach einer „Alternativversion“ fürs Mobile Web. Da kommen wir ja eigentlich her -- obgleich damals mit eingeschränkten technischen Möglichkeiten. Geht man diesen Schritt, kann man sich doch allerdings das „responsive Design“ sparen, denn wenn auch die Inhalte ganz anders aufbereitet werden müssen, steht das komplette Layout in Frage.

    Mit deinen Gedanken zum Inhalt gehe ich zu 100% mit, allerdings wären für mich eben diese Ansätze in einer App am besten aufgehoben, die das normale Webangebot ergänzt und aufwertet.

  2. Beide Gedanken hatte ich auch, da ich da aber noch weiter dran rumdenken will habe ich sie nicht gebracht: responsive webdesign ist für responsive content eher ungeeignet. Heute liesse sich das tatsächlich am besten in einer Alternativversion wie der App umsetzen.

    Aber, ganz große Einschränkung: ich setze durchaus darauf, dass wir in Zukunft die technischen Möglichkeiten an die Hand bekommen, die responisve webdesign und content ermöglichen…, denn die abgespeckte Mobilversion einer Website halte ich für überkommen…

  3. Moin Nico -- die Idee dahinter liegt selbst uns Contentschubsen nicht so fern. Bislang passen wir ja meist gerade einmal die CSS der mobilen Nutzungsform an, inhaltlich passiert da noch nicht allzu viel.

    Dabei frage ich mich doch als Mobilnutzer (und womöglich nicht nur als ein solcher): Wer erklärt mir, was passiert ist, in wenigen Sätzen? CNN bietet ja z.B. Abstracts an, ich nehme an, die fahren damit gut. Weiter Links zu kuratieren (nicht nur intern) ist natürlich eine weitere Geschichte. Und: Wenn ich mich wirklich schnell informieren möchte, will ich ja vielleicht auch so etwas wie Partywissen -- also eine kurze Einschätzung, warum das jetzt wichtig ist, was dahintersteckt etc. Ich weiß garnicht, ob das eine Alternativversion sein müsste. Vielleicht eine andere Gewichtung von Items, die sowieso vorhanden sind.

  4. PS: Ich weiß natürlich, dass Deine Idee von Responsive Content darüber hinausgeht. Allerdings sehe ich keine Möglichkeit, das jenseits von Personalisierung zu machen. Und mit personalisierten Webseiten hat die Medienbranche ja jetzt nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht, solange das nicht irgendwie automatisch funktioniert.

  5. @joha… ja, da sehe ich auch ein Problem. Obwohl andererseits, ein Abstract sollte man eh‘ schreiben, ein guter Schritt um ein TL;DR am Anfang eines Textes anzubieten. Andere Instrumente für die nicht gleich Personal aufgebaut werden muss: zeitliche Aussteuerung von Themen, dies ist aber wohl eher wieder eine Übergangslösung, da die Nutzungspeaks für best. Geräteklassen sich sicherlich mit der Zeit über den Tag verteilen werden.

  6. Hmm, würde ich nicht so gut finden daß jemand darüber befindet, was ich gerade in welcher Tiefe lesen will. Wenn man das braucht, stimmt ziemlich sicher was mit dem bisherigen Content nicht? Ich sehe auch Probleme bei der Wiederauffindbarkeit auf verschiedenen Plattformen. Mir reicht, daß Clutter auf kleinen Screens verschwindet.

  7. Sehr gute Beobachtung.

    Was mir noch so dazu einfällt: Viele Printprodukte machen ja schon ähnliches. Zwischenüberschriften bei längeren Artikeln (dient zwar als Anreißer, gibt aber beim ‚Auf die Seite Gucken‘ einen Überblick was kommt) und Infoboxen was besprochen wird (populärer bei IT-Magazinen wie der iX von Heise).

    Ein Abstract halte ich für einen vertretbaren Mehraufwand – vor allem deshalb, weil ich davon ausgehe, dass der Redakteur beim Schreiben des Inhaltes eh eine Outline oder ähnliches im Kopf hatte.

    Die große Frage: Wie mache ich dem Nutzer klar, dass er da gerade einen Abstract sieht – einen Mehrwert zum bestehenden Text. Vor allem: Wie vermittele ich, dass er hier ein Mehr an Leistung bekommt – wo er sonst eher ein Weniger gewohnt ist.

  8. Muss man einem Nutzer klar machen, wie toll das ist, was da für ihn getan hat? Ich denke, soetwas wird dem Nutzer auch so auffallen.

  9. Ich denke, es liegt bereits ein Fehler darin, einfach irgendetwas anzunehmen, was den mobilen Kontext betrifft, in diesem Fall, dass mobile Nutzer weniger Zeit haben. Es gibt so viele Nutzungsfälle für mobile Geräte, dass jede Annahme nur bedingt richtig sein kann und deshalb besser vermieden werden sollte.

    Wenn ich zum Beispiel eine Stunde am Bahnhof rumhänge, bin ich auch mobil unterwegs, hab aber trotzdem genug Zeit.
    Und wer sagt, dass ich mehr Zeit habe, nur weil ich am Schreibtisch vor meinem Rechner sitze?

    Die Annahme, „mobile Nutzer haben wenig Zeit“, ist ähnlich wie „meine Nutzer haben eine Auflösung von 1024 x 768″.

    Die Idee, Inhalte stufenweise aufzubereiten finde ich nicht schlecht, sie sollte sie dann nicht genauso für stationäre Nutzer sinnvoll sein?
    Es gibt auch das Beispiel mit der Restaurant-Website: Die mobile Version enthält als erstes die Öffnungszeiten und Kontaktdaten, die Desktopvariante nicht, obwohl es da nicht weniger nützlich wäre.

    Ich bin der Meinung, eine Website sollte inhaltlich grundsätzlich für mobil und stationär gleich aufgebaut sein (klar, Ausnahmen gibt’s immer). Umfangreiche Websites könnten Inhalte stufenweise laden, statt diese per se vorzuenthalten.

    Für spezielle Anforderungen bietet sich dann immer noch eine App an.

  10. @Christoph Ja, die Sache mit dem weniger Zeit haben ist als Beispiel zu kurz gegriffen und zu plakativ. Sollte wie gesagt auch nur ein Beispiel sein, das zweite Beispiel stellt ja auch eine Mobilnutzung mit viel Zeit da.

    Ich denke auch, dass mobile und stationäre Webseiten gleich aufgebaut sein sollten. Die Öffnungszeiten eines Restaurants gehören immer noch oben auf einer Restaurantwebsite, die Bankleitzahl ebenso, bei einer Bankingseite.

    Aber mal umgekehrt gedacht könnte für die mobile Nutzungsituation durchaus bei einer Wegbeschreibung vom Standort des Benutzers ausgegangen werden, weil sie ihn kennen kann. Das wäre auch responsiver Content finde ich und dazu bedarf es noch nicht mal einer App… man muss ja nicht immer nur ans Informationen weglassen denken.

  11. @Paul Was Arne meint ist den Mehrwert richtig zu kommunizieren, damit es nicht zu den hier auch schon gelesenen „die wollen mir etwas vorenthalten“ Reaktionen kommt.

    Halte ich selbst aber für ein kleineres kommunikationsdesignerisches Problem…

  12. @Christoph: Wahre Worte.

  13. Vorneweg: Ingo hat latürnich mal wieder völlig recht. Ich will mir nicht von meinem Gerät und einem Journie vorschreiben lassen, was ich jetzt lesen will. Es geht ja sogar noch viel weite. Ich will doch DIE Startseite von Spon sehen. Nachrichten-Marken und -Produkte haben eine soziale Funktion. Sie stellen einen Informationskonsens her. Ich will das wissen, was alle anderen auch wissen. Ich will abends zu einem Kumpel sagen können „Hast Du das heute bei Spon auch gelesen?“.

    Dann gleich wieder in die andere Richtung: Responsive Content ist im Grunde ein alter Hut. Früher hieß das „Single Source Publishing“, heute wird das unter „Multi Channel Publishing“ geführt, die Idee ist aber die gleich geblieben. Es gibt im Grunde 1+n Redaktion: Eine Kern-Redaktion, die sich um den medienneutralen Content-Kern kümmert, der dann an 1 -- n Channel weitere Redaktionen zur Aufbereitung für alle Sorten von Content-Produkten weitergereicht werden. Am perfektesten habe ich das bisher in Lexikon-Verlagen gesehen, die haben ja auch den wertvollsten Content. Und inzwischen wird das in auflagenstarken Verlagshäusern auch im Tagesjournalismus eingesetzt.

    Content-Apps hingegen halte ich für ziemlichen Unfug. Neumodischer Kram. Wird sich nicht durchsetzen. Das Web ist doch noch gut.

2 Pings

  1. […] nun, wie man responsive Webdesign in der Praxis umsetzt und haben uns auch schon Gedanken über sich anpassende Inhalte für unterschiedliche Nutzungssituationen gemacht. Nun stellt sich natürlich die Frage, […]

  2. […] aber auch gut: codecandies -- Responsive Content anmutunddemut -- New Frontier Responsive Design marctv -- Responsive Web Design lukew […]