Codecandies

Das Weblog von Nico Brünjes.

Twitter Angst

Irgendwann in den nächsten Tagen werde ich meinen 6.000sten Tweet absetzen, wahrscheinlich wieder ein Linktipp an meine immer noch weit unter Tausend follower. Das stellt jetzt keine überbordende Aktivität dar, eher unterer Durchschnitt für einen Dauernetzaktivisten wie meiner einer, aber das ist immer noch 300% mehr Aufmerksamkeit, als ich meinem Blog im letzten Jahr zu kommen liess. So langsam denke ich aber ernsthaft über einen Ausstieg nach.

Seit einigen Monaten kündigt sich ja nun schon an, was wir nun schwarz auf weiss von Twitter bekommen haben: Twitter hat sich entschlossen, ab nun gegen die Entwickler und API-Nutzer im Ecosystem rund um das 140-Zeichen-Imperium vorzugehen. Das trifft mich zunächst nur mittelbar, in kleineren Projekten, in denen ich die API genutzt habe, beim Client den ich bisher noch benutze, der aber in Zukunft vielleicht aufgeben muss, bei Diensten, die ich rund um Twitter nutze und die vielleicht aufgeben werden. Aber es ist die Idee die zählt und die Idee, die hinter Twitters API-Regeln steht und das ist nun mal derselbe beschissene so called walled garden wie ihn schon FB hochgezogen hat, nach der Facebook Angst kommt nun also ganz natürlich die Twitter Angst.

Das Problem dabei sind jedoch meines Erachtens gar nicht mehr Twitter oder Facebook oder Google+ oder whatsoever, sondern das Prinzip an sich. Das WebTwoOh ist nicht nur vorbei, es ist grandios gescheitert. Wir müssen feststellen, dass wir uns etwas vormachen, wenn wir glauben StartUps, also Firmen, also auf Gewinnerzielung ausgerichtete Unternehmungen würden das freie Internet erhalten und gegen die Eingriffsversuche von Staaten verteidigen. Das ist Tineff! Pseudoliberales Gefasel. Das Gegenteil ist der Fall. Die Firmen saugen unsere free speech aus uns raus und wenn sie genug Content zusammengerafft haben, ziehen sie einen elektronischen Zaun darum und weisen uns die Tür. Twitter hatte meines Erachtens nach die Möglichkeit es richtig zu machen, aber stattdessen hat man dort genau die falschen Schlüsse gezogen. Das wiegt schwerer als das Beispiel Facebook, das von Anfang an zur Nutzerausbeutung erdacht war.

Aber was ist jetzt die Alternative, wenn wir sagen: das Internet geht nicht mit Staaten und wir lernen, das Internet geht nicht mit Firmen?

8 Kommentare

  1. Die Alternative ist klar: Distribution. Hat schon beim Web 1.0 (aka WWW @ CERN) geklappt, so dass es sich gegen konkurrierende monolithische Angebote durchgesetzt hat.

    Das Problem ist Machtkonzentration. Wenn ein Anbieter die Kontrolle über sämtliche Nutzer-Logins und -Inhalte hat, dann kann er faktisch tun und lassen, was er will. Wenn die Nutzer auf mehrere Anbieter verteilt sind, stehen diese im Wettbewerb und können sich nicht abschotten, ohne Boden zu verlieren. Insbesondere öffnet es wieder das Tor für Selbst-Hosting, das ja schon bei der Blogosphäre seine Macht bewiesen hat, kontrollierte Strukturen zu durchbrechen.

  2. weil mir so ähnlich Gedanken auch gerade durch den Kopf und die Tastatur gehen, ich für mich die Konsequenz ziehe, wieder mehr in mein Blog zurückzuholen, was die letzten 5663 tweets auf Twitter landete, gewöhne ich mir an, auch mal wieder in Kommentarfelder in Blogs zu schreiben. Bis gestern wäre das wahrscheinlich „nur“ ein Retweet geworden.

  3. @manuel Es scheint mir aber fast so etwas wie einen Trend/Hang zur Konzentration zu geben, die erscheint dem User ja zunächst auch erstmal wahnsinnig praktisch und die Distribution und das Selbsthosting sind ja sooo sektiererisch, gemessen an den Herden auf Facebook…

  4. Wir müssen feststellen, dass dwir uns etwas vormachen, wenn wir glauben StartUps, also Firmen, also auf Gewinnerzielung ausgerichtete Unternehmungen würden das freie Internet erhalten und gegen die Eingriffsversuche von Staaten verteidigen.

    Würden sie auch machen -- wenn man damit die größten Gewinne erzielen könnte. Aber sagen wir so: Wenn ich Anteilseigner von Facebook/Twitter/etc wäre, dem sein Geld lieber wäre als das freie Internet und glaubte, daß man mit geschlossenen Systemen mehr Geld verdienen kann, dann wüsste ich wohl, was ich meinem CEO erzählte.

    Ich würde das eigentlich gar nicht mal so sehen, weil Twitter/Facebook das nicht -- alleine -- sind (nämlich ja auch noch die ganzen Blogs und so), aber wenn man sagt, das „WebTwoOh“ sei mit Twitter/Facebook/etc gescheitert, dann lag’s an den Nutzern, die es möglichst einfach wollten, was ja auch völlig ok und aus einer nicht Nerd-Perspektive auch gar nicht doof ist. Ich bleibe aber optimistisch und glaube, langfristig werden sich offene, dezentrale Lösungen für’s Followen durchsetzen.

  5. Dezentral funktioniert nur, wenn man sich mit der Technik dahinter beschäftigt. Außerdem kostet es in der Regel echtes Geld. Das schließt 97% der potenziellen Nutzer aus. Die dürfen dann eben nur im Garten hinter der Mauer spielen. So schnell wird sich das nicht ändern.

  6. @Thomas An das „langfristig wird sich XY durchsetzen“ glaube ich kaum noch. Warum machen wir es nicht einfach, mit bspw. RSS als Basis (was sich BTW auch nicht durchsetzt)…

  7. Ich hat’s erst noch im Kommentar stehen: RSS. Genau. Manche Dinge brauchen halt etwas länger, um sich durchzusetzen. Und sonst: Auch egal. Was sich nicht durchsetzt, wird von der Mehrheit (z.B. 97% der Nutzer) auch nicht ernsthaft benötigt.

  8. .

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  1. […] Twitter-Angst (codecandies.de, Nico Brünjes) Beunruhigend ist für viele momentan auch die Entwicklung von Twitter. Mit den Änderungen an der API ist für viele Nerds, das heimelige Gefühl von Twitter ist nicht evil vorbei. Nico Brünjes spricht von einer “Twitter-Angst”. Und der Blogger Ben Brooks findet einen Apple Vergleich: […]