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Das Weblog von Nico Brünjes.

True Grit

True grit bedeutet soviel wie echten Mut oder Rückrat besitzen, eine Tugend, die in der ausgehenden Western-Ära, in der das aktuelle Werk der Brüder Ethan und Joel Coen spielt, offenbar mehr als selten geworden ist. Denn der echte Mut ist gewichen, die echten Westernhelden sind alt geworden, alkoholkrank. In dieser traurigen Zeit muss ein 14jähriges Mädchen die letzte verbleibende Tugend des nicht mehr so wilden Westens hochhalten: eiskalte Rache. Und beinahe bis zum Schluss ist die 14jährige auch die einzige, die dem Titel nach echten Mut beweist.

Die Coen-Brüder beerdigen in True Grit die letzten Ausläufer der Western-Kultur, zeigen die ausgehende Zeit nach dem Bürgerkrieg, nach dem kalifornischen Goldfieber, am Ende der Besiedelung der frontier. Es herrscht eine besondere Stimmung in dieser Zeit und in diesem Film.

Die Figur der Mattie Ross ist dabei eine ganz Besondere. Ausgestattet mit dem religiösen Eifer eines 14jährigen Kindes zeigt sie eine innere Härte (widergespiegelt durch die viel ältere Erzählstimme der Mattie Ross-Erzählerin), die ihres gleichen unter den ausbleichenden Helden in ihrer Umgebung sucht. Sie selbst sagt über ihre Mutter, das diese zu schwach sei, die Angelegenheiten der Familie zu regeln, nicht Mal das Wort Katze buchstabieren könne und vor Trauer herumhumpeln würde. Dabei sieht sie aus wie eine 1:1 Kopie von Laura Ingalls aus Unsere kleine Farm.

1969 wurde der Stoff von Charles Portis schon einmal verfilmt. Damals mit John Wayne in der Hauptrolle, der—immer für seine rechte Gesinnung bekannt—gerade ein Jahr zuvor den Propagandafilm Green Berets gemacht hatte und mit Tru Grit versuchte, in seinem Glanzgenre an alte Zeiten anzuknüpfen. Doch so richtig Ernst konnte man Western damals schon nicht mehr nehmen, trotzdem gewann Wayne für die Rolle des Marshalls seinen einzigen Oscar.

Ein Werbe-Plakat aus dem Jahr 1849 für Schiffspassagen nach Kalifornien zum Goldrausch.Filmposter True Grit

Typographie der Goldrauschzeit: Ein Werbe-Plakat aus dem Jahr 1849 für Schiffspassagen nach Kalifornien und das Filmposter für die 2010er Ausgabe von True Grit.

Jeff Bridges ist nun ebenfalls als bester Schauspieler für den Oscar nominiert, der hat diesen Preis allerdings erst im letzten Jahr für Crazy Heart gewonnen. Bridges ist nun aber der lebende Gegenentwurf zu John, den man den Duke nannte, Wayne, und das nicht nur weil man ihn als Dude kennt. Auf die Frage, wem der potrauchende, sandalen- und bademanteltragende Dude nachempfunden sei, nannte Bridges in einem Interview sich selbst. (Wikipedia). Schon die Auswahl des Hauptdarstellers zeigt den Gegenentwurf True Grit 2010 zu 1969.

Der ironische Blick auf den Westernhelden ist genauso unterhaltsam wie entlarvent, wenn zum Beispiel in einer Szene der alternde Schießheld auf dem Klo sitzend durch die geschlossene Tür seine Ansichten zum Besten gibt, oder ein Held den anderen anschießt, beim Versuch ihn zu retten. Nein, mit dem Revolverheld der USA ist in den 1870er Jahren schon nicht mehr viel los. Trotzdem wird in True Grit natürlich noch jede Menge geschossen und gestorben, aber das auf eine derartig beiläufige Weise, dass erst in dem Moment, als ein Pferd stirbt—eins das natürlich echten Mut besitzt—dem Zuschauer die Tränen in die Augen schiessen.

Ein Kommentar

  1. Es hat nicht sollen sein. True Grit hat trotz viele Nominierungen schlecht abgeschnitten. :(

    Edit: Nachdem der Schock überwunden ist: True Grit hat tasächlich nicht einen einzigen Oscar abbekommen. Puh, das ist hart. Aber auch irgendwie klar: die Coens hatten ja gerade erst mit »No Country For Old Men« in Sachen Western abgesahnt, Jeff Bridges wurde erst im letzten Jahr zum besten Schauspieler gekürt. Das sind die Dinge, die bei einer Oscar-Verleihung wichtiger sind… kein Preis, bei 10 Nominierungen bleibt allerdings eine Frechheit. ;)

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